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Duell von Joost Zwagerman

Weidle Verlag
ISBN 978-3-9388-0381-3
160 Seiten

Ein 30 Millionen Euro teures Kunstwerk verschwindet, entwendet von einer jungen Künstlerin, die es für ein eigenes Projekt zeitweilig nutzen möchte. Direktor Jelmer Verhooff kommt ihr jedoch auf die Schliche und macht sich gemeinsam mit einem seiner Restauratoren auf, um das Werk wieder zurückzuholen. Alles scheint zu gelingen, doch dann…
Es ist eine Novelle, gerade mal 142 Seiten lang (und sechs Seiten Nachwort), die einen herrlichen Einblick bietet in den Kunstbeschrieb. Neben der eigentlichen Handlung gibt es immer wieder längere Abschnitte, in denen die Art und Weise was Kunst heutzutage bedeutet, angesprochen wird. Das klingt jetzt vermutlich sehr trocken, ist es aber überhaupt nicht. Joost Zwagerman verfügt über das Talent, bekannte Sachverhalte in neuer und amüsanter Weise darzustellen. Zum Beispiel: „…, dass seine Frau ihrer Ehe den Sprengstoffgürtel umgeschnallt hatte.“ Oder „Viele junge Künstler sind Installateure, die installierende Installationen installieren.“ Er blickt nicht herab auf die Szene, sondern stellt bestehende Verhältnisse auf seine teils satirische, teils humorvolle Weise dar, sodass sich die ganze Geschichte mit einem beständigen Grinsen im Gesicht lesen lässt. Und ich kam nicht umhin, mich beim weiteren Lesen zu fragen, was Kunst denn eigentlich überhaupt ist (Kommt es nicht von ‚können‘?).
Ich habe die Lektüre dieses kleinen Büchleins eines mir bis jetzt völlig unbekannten Autors wirklich genossen, sodass ich mir auch weitere Werke von ihm anschauen werde. Leider hat Joost Zwagerman, der in den Niederlanden sehr bekannt und erfolgreich war, vor etwas mehr als zwei Jahren seinem Leben ein Ende gesetzt.

 

 

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Die Halbwertszeit der Liebe von Corinna T. Sievers

Frankfurter Verlagsanstalt
ISBN 978-3-627-00225-1
300 Seiten

Die Ich-Erzählerin Margarete, Mitte 40, erfolgreiche Schönheitschirurgin mit wissenschaftlichem Schwerpunkt männliches Geschlechtsteil, sehr intelligent und sehr attraktiv (ohne Eingriffe ;-)), hat ein bzw. mehrere massive Defizite. An Sex kann sie nichts finden und Gefühle sind ihr weitestgehend fremd. Zudem ist sie der Auffassung, missgestalt zu sein (ganz im Gegensatz zu den Männern) – Dysmorphophobie nennt man diese Krankheit. Auf einem Kongress begegnet sie Heinrich, einem ebenfalls sehr erfolgreichen Schönheitschirurgen, der völlig von ihr hingerissen ist. Margarete geht es mit ihm ähnlich, ohne dass sie weiss weshalb, und so beschließt sie, ihn zu lieben. Es beginnt eine, wie ich finde, seltsame Beziehung, die in St. Moritz in einer gemeinsamen Bergwanderung im wahrsten Sinne des Wortes gipfelt.
Ich lese ja nun wirklich viel, aber so ein Buch bzw. einen solchen Stil hatte ich bisher noch nie. Durch ihre Gefühllosigkeit ist Margaretes Ausdrucksweise kühl und rational, Menschen (insbesondere Männer) werden stets nach ihrem äusseren Erscheinungsbild analysiert, nicht beurteilt!. Das hört sich dann beispielsweise so an: „Er ist jünger als ich, klein, dunkel, Kraushaar an Kopf und Armen. Bauchfett: nullkommafünf Liter, Länge des Penis siebenkommafünf Zentimeter (nicht erigiert), Durchmesser drei, gerader Wuchs, erigiert dreissig Prozent Zuwachs, maximal. Der Kittel blütenweiß, gestärkt.“ Oder: „Sie haben Bäuche, eine Fettabsaugung könnte Abhilfe schaffen, ich schätze das Volumen des abzusaugenden Gewebes; im Fall des rechts Stehenden ein knapper Liter, links einskommafünf, der Mittlere leidet an schwerer Fettleibigkeit, zweikommafünf.“ Der Tonfall bleibt fast durchgehend völlig sachlich und nüchtern, was mir zu Beginn eher unangenehm war, doch nach 40 bis 50 Seiten hatte ich mich daran gewöhnt und die Lektüre machte mir immer mehr Vergnügen. Margarete enthüllt die Männer ohne Gnade – nicht bösartig sondern weil sie nicht anders kann, und das ist schon sehr amüsant. Doch ihr Verhalten steht im völligen Gegensatz dazu, sodass ich immer nur den Kopf schütteln musste, wobei es natürlich auch dafür Erklärungen gibt.
Trotzdem, so Manches bleibt unverständlich was jedoch meine Lesefreude nicht minderte. Alles in allem eine sehr ungewöhnliche Liebesgeschichte, insbesondere mit einem Blick auf Männer, wie ich ihn so noch nicht kannte 😉

 

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Tagebuch einer Killerkatze von Anne Fine & Axel Scheffler

Moritz Verlag
ISBN 978-3-8956-5298-1
64 Seiten

Bei einem Buch mit diesem Titel musste ich einfach stehenbleiben, völlig egal um welche Art von Buch es sich nun handelt. Kurzes Reinlesen und es war klar: Das wird gekauft. Ich zitiere mal die ersten Sätze, die meine Entscheidung vielleicht nachvollziehbar machen:
‚Okay, okay, hängt mich ruhig auf! Ja, ich hab den Vogel getötet. Du lieber Himmel, ich bin nun mal eine Katze! Es ist sozusagen mein Job, durch den Garten zu schleichen und süßen, schnuckeligen kleinen Piepmätzen aufzulauern, die kaum von einer Hecke zur anderen fliegen können. Was soll ich machen, wenn sich mir so ein armes gefiedertes Flatterbällchen praktisch ins Maul wirft? Es ist schließlich fast direkt auf meinen Pfoten gelandet. Es hätte mir ja wehtun können! Okay, okay, da habe ich es halt ein bisschen geknufft….“ uswusw.
Dazu die herrlichen Zeichnungen von Axel Scheffler, der die Katze Kuschel überhaupt nicht kuschelig darstellt, sondern wie einen Gefängnisinsassen grau mit Streifen und einem leicht verschlagenen Blick (zumindest am Anfang). Da konnte ich nicht widerstehen – und ein weiteres Kinderbuch ziert nun mein Bücherregal 😉
Der oben zitierte Ton zieht sich durch das ganze Büchlein (knapp 55 Seiten) und mit jedem toten Getier, das Kuschel anbringt, wird sein Erklärungsbedarf größer. Ich habe mich köstlich dabei amüsiert ebenso wie über Axel Schefflers Bilder, die so überhaupt nicht lieblich-zart-kuschelig sind. Herrlich, wie Kuschel mühsam das Karnickel durch die Katzenklappe zerrt. Oder wie der Vater der Familie in einem burkaähnlichen Gewand durch die Nacht robbt… Ich bin mir sicher, dass sich auch Kinder darüber amüsieren können, wenn auch vielleicht auf eine andere Art als Erwachsene.
Die eigentliche Geschichte basiert zwar auf einem uralten Witz, aber zum einen kennen Kinder ihn vermutlich noch nicht und falls doch (wie die meisten Erwachsenen), hat man trotzdem seinen Spaß daran. Denn Anne Fine hat das Ganze so toll ausgeschmückt und der Katze einen solch klasse Tonfall gegeben, dass das Alles fast wie neu klingt. Herrlich!

 

 

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Der Galimat und ich von Paul Maar

Oetinger
ISBN 978-3-789-14296-3
256 Seiten

Als der 10jährige Jim eines Nachts wach wird, entdeckt er ein kugelrundes Etwas in seinem Zimmer mit (vermutlich) Armen, Beinen, Ohren und Antennen. Es ist ein Galimat der sich zu Jim verirrt hat, und bis die anderen Galimatini ihn wieder finden und mitnehmen, bleibt er sein Zimmergenosse. Natürlich ohne dass Jims Tante und Onkel etwas merken, bei denen er lebt, seit seine Eltern als Spione auf der Flucht sind (was er von Tante und Onkel weiß). Es wird eine aufregende Woche, die Zeit in der die Beiden das Zimmer teilen. Nicht nur, weil der runde Kleine allen elektrischen Geräten die tollsten Geräusche entlocken kann, nein, er kann sogar Dinge materialisieren; Dinge, die man sich sehnlichst wünscht. Und da Jim nichts mehr möchte, als erwachsen werden, materialisiert der Galimat die EWP: die Erwachsen-Werden-Pille. Doch es kommt anders als gedacht…
Obwohl sich die Zusammenfassung recht banal anhören mag, steckt in diesem Buch eine ganze Menge drin. In dieser einen Woche ereignet sich so viel in Jims Leben, dass er danach alt genug ist, um schlimme Wahrheiten zu erfahren und damit fertig zu werden. Denn der kleine Galimat macht ihm deutlich, dass das Hier und Jetzt viel wichtiger ist als das Vergangene. Er lernt auch, dass Rache nicht wirklich Erfüllung bringt. Und es wird ihm ohne Hilfe von außen klar, was wichtig im Leben ist und er entscheidet danach.
Ich finde die Geschichte trotz so vieler ernster Themen wunderbar kindgerecht und unterhaltsam erzählt, ohne verniedlichten Ton oder Verharmlosung. Auch die dazugehörigen Bilder sind ausgesprochen passend, häufig kleine Strichzeichnungen in Schwarz-Weiß, die der Phantasie jede Menge Raum lassen.

 

 

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Eine Kiste explodierender Mangos von Mohammed Hanif

A1 Verlag
ISBN 978-3-940-66606-2
385 Seiten

Im August 1988 explodierte kurz nach dem Start das Flugzeug des pakistanischen Militärdiktators Zia ul-Haq, wobei er sowie einige seiner Generäle und der amerikanische Botschafter ums Leben kamen. Bis heute sind die Ursachen, die zu diesem Unglück führten, nicht bekannt. In dem Buch mit diesem ungewöhnlichen Titel stellt der Autor Mohammed Hanif seine eigene Sicht der Dinge dar – und das in einer eher ungewöhnlichen Form.
Stets kapitelweise wechselnd erfolgt ein Bericht der Hauptfigur, des jungen Luftwaffenkadetten Ali Shigri und (zumeist) ein zeitgleicher Abschnitt aus dem Leben Zia al-Haqs. Während Shigri einen zu Beginn mysteriösen Plan zu verfolgen scheint, der ihn in eine ausgesprochen schwierige Situation bringt, fühlt sich der Diktator von allen Seiten bedroht – nicht immer zu Recht. Auch die Sichtweisen anderer Personen spielen in den Kapiteln eine Rolle, denn irgendwie haben diese alle ihren Anteil an dem zu Beginn genannten Unglück.
Was sich nun vielleicht eher wie eine kriminalistische Aufklärungsgeschichte anhören mag, ist jedoch eine herrliche Satire auf die Situation in den Herrschaftsverhältnissen dieser Militärdiktatur. Zia ul-Haq wird als ein sehr gläubiger Moslem dargestellt, überaus eitel und voller Paranoia vor möglichen Attentätern. Selbst der Generalsekretär der Straßenfegergewerkschaft sitzt deswegen im Kerker. Doch die Ängste des Diktators entbehren nicht ganz jeglicher Grundlage: Seine Führungsriegen sind ausschließlich auf ihren eigenen Vorteil bedacht und jeder katzbuckelt und intrigiert so gut und viel wie möglich. Shigris Kapitel dagegen beschreiben die Wilkür und Gewalt, der im Prinzip jeder (nicht nur Soldat) ausgesetzt sind. Doch sein Tonfall ist dabei so wunderbar trocken, dass ich beispielsweise selbst bei der Beschreibung der unschönen Unterbringung in der Folterkammer lachen musste (schon mal was von ‚Do-it-yourself-Folter‘ gehört?).
Ein witziges Buch mit einem ernsten Hintergrund, das nicht immer ganz einfach zu lesen ist, da die häufigen Zeitsprünge gelegentlich irritierend wirken.

 

 

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Die souveräne Leserin von Alan Bennett

Wagenbach Verlag
ISBN 978-3-803-11254-5
120 Seiten

Die Queen, der Inbegriff von Verantwortungsbewusstsein und Pflichterfüllung! Doch dann lernt sie das Lesen lieben – und zwar das Lesen von Büchern, nicht von Regierungserklärungen oder anderen drögen Vorlagen. Je mehr sie liest umso intensiver beschäftigt sie sich mit Büchern, sodass ihre Umgebung nach und nach zu spüren beginnt, wie ihr ihre Aufgabe als Repräsentantin des British Empire immer mehr zur Last wird. Undenkbar, die Queen hat keine Lust mehr! Während das Oberhaupt der Royals in seiner neuen Leidenschaft völlig aufgeht, werden von anderer Seite Pläne geschmiedet, wie man ihr das Lesen verleiden kann.
Gerade mal 111 zu lesende Seiten hat dieses feine Büchlein, dass in einem edlen, leuchtend roten Leineneinband mit Silberaufdruck daherkommt. Leicht zu lesen ist es, aber dennoch so viel mehr als eine seichte Unterhaltungslektüre. Lesen bildet, das wusste die Queen schon zuvor. Doch dass auch Romane nicht nur reiner Zeitvertreib sind, erkennt sie erst nach und nach. Ihr Blickfeld weitet sich, sie beginnt die Menschen um sich herum mit anderen Augen wahrzunehmen, erkennt ihre Beweggründe und Motivationen. Allmählich wird ihr bewusst, was wichtig und unwichtig ist und hinterfragt ihr eigenes Handeln: Ist Pflichterfüllung wirklich das Wichtigste im Leben?
Ein schöneres Plädoyer für’s Lesen kann es kaum geben, das dazu noch wie gewohnt von Alan Bennett in wundervoll britischer Art und Weise formuliert wurde. Ein Buch, dass BücherliebhaberInnen lieben werden – aber auch die Anderen werden ihre Freude daran haben. Einfach schön!

 

 

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World’s End von T.C. Boyle

dtv
ISBN 978-3-423-11666-4
624 Seiten

Ok, dies ist auch nicht gerade ein Buch, das recht erfolglos war. Aber immerhin ist es fast schon 30 Jahre alt und dürfte wohl zumindest Jüngeren nicht mehr sehr geläufig sein.

Es ist mein zweites Buch von T.C. Boyle nach Wassermusik und wieder bin ich völlig begeistert, obwohl World’s End deutlich anstrengender zu lesen ist. Neinnein, keine Angst! Es geht nicht um Schachtel- oder Bandwurmsätze, überdurchschnittlich viele Fremdworte (obwohl, wenn ich so überlege… – naja, vielleicht doch ein bisschen) oder hochgeistige Gedankengänge. Die Sprache ist gut verständlich und überaus bildhaft, sodass bestimmte Szenen einem wohl für länger (wenn nicht sogar immer) im Gedächtnis bleiben werden. Was die Lektüre anstrengend macht, ist die Vielzahl von Personen und die steten Zeitsprünge.
Boyle beschreibt die Geschichte zweier Familien in einem Abstand von rund 300 Jahren, sodass es vier verschiedene Erzählstränge gibt, die sich jedoch immer wieder überschneiden. Dass die Personen teils über die Jahrhunderte hinweg die gleichen Namen aufweisen, erschwert das Ganze noch etwas. Doch das Alles ist so herrlich lebhaft und bunt erzählt, dass ich mir gerne die Mühe machte, wiederholt im Stammbaum nachzuschauen, der glücklicherweise im hinteren Teil abgedruckt ist. Da die Geschichte zudem immer wieder auf realen Begebenheiten beruht, die ich selbst aber nur unvollständig (oder kaum) kannte, habe ich mich auch wiederholt über die tatsächlichen Vorgänge informiert, da Manches schlicht kaum zu glauben ist. Somit ist die Lektüre dieses Buches nicht nur unterhaltsam, sondern ganz nebenbei erfährt man noch eine Menge über die Anfänge der Besiedlung in den USA ebenso wie über die Hippiezeit. Dennoch ist es kein wirklich realistisches Buch wie es auch schon ‚Wassermusik‘ nicht war. Vieles ist stark überzeichnet und/oder ins Groteske gezogen, doch nie so, dass es unglaubwürdig wirkt. Boyle beherrscht es wie kein Zweiter, Dinge auf die Spitze zu treiben und sie dennoch überzeugend wirken zu lassen.
Wer lieber einer geradlinig verlaufenden Geschichte folgt, die nah an der Realität bleibt, wird sich mit diesem Buch wohl schwer tun. Allen Anderen aber kann ich dieses Buch nur empfehlen!

 

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