Schlagwort-Archive: Lehrreich

Deutschland, deine Götter: Eine Reise zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern von Gideon Böss

Tropen Verlag
ISBN 978-3-6085-0230-5
398 Seiten

Deutschland, ein Hort für Götter? Hätte man mich vor dem Lesen dieses Buches gefragt, ob ich wüsste, wieviele verschiedene aktive Religionsgemeinschaften es in Deutschland gibt, hätte meine Antwort wohl irgendwo bei 10 gelegen, vielleicht ein bisschen höher. Doch dass es Gemeinden wie die Bahai, die Johannische Kirche oder die Mandäer gibt, dass die Heilsarmee und das Fliegende Spaghettimonster ebenfalls als Religion zählen und noch eine ganze Menge weiterer, das war mir unbekannt. 26 unterschiedliche Glaubensgemeinschaften hat Gideon Böss besucht und befragt, an Gottesdiensten wie sonstigen Veranstaltungen teilgenommen und die Lesenden an seinen Eindrücken teilhaben lassen.
Herausgekommen ist eine bunte Vielfalt von Religionen, denen allen gemeinsam ist, dass ihre AnhängerInnen glauben, an Gott, einen Propheten, die Natur oderoderoder.
Bei dieser Fülle in einem Buch ist klar, dass hier keine tiefergehenden Erläuterungen zum Verständnis folgen. Doch es reicht, um sich einen ersten Einblick in den jeweiligen Glauben zu verschaffen. Man erfährt die zugrunde liegende Überzeugung, eine grobe Übersicht über die Entstehung und die danach folgende Entwicklung wie die aktuelle Situation. Bei seinen Besuchen interessierte sich Böss häufig für die Einstellung gegenüber Andersgläubigen (kurz: Hölle oder nicht? ;-)) und Homosexuellen, stellte auch Fragen zu Widersprüchen, die meist offensichtlich zu erkennen sind. Antworten erhielt er immer, wenn auch zu widersprüchlichen Aussagen nur selten wirklich befriedigende. Eine wiederkehrende Antwort war sinngemäß: Der Mensch versteht nicht alles in seiner Unvollkommenheit.
Böss schreibt in einem locker-plaudernden Ton, der sich aber nicht lustig macht über seine Gesprächspartner. Doch manchmal hatte ich das Gefühl, als schüttle er verständnislos den Kopf über das Gehörte und grinste sich einen dabei. Stilistisch arbeitet er viel mit Vergleichen, die ich nicht immer ganz passend und manchmal auch ein bisschen zu viel empfand. Alles in allem aber ein informatives, unterhaltsames Buch über Religionen in Deutschland.

 

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Rezensionen

Denken heilt! Philosophie für ein gesundes Leben von Albert Kitzler

Droemer
ISBN 978-3-426-27705-8
320 Seiten

Von Stress, Burnout und Depressionen ist in unserer Gesellschaft eine große Zahl von Menschen betroffen. Parallel dazu steigt die Menge der Ratgeber, die vorgeben DAS bzw. DIE Heilmittel dagegen zu haben. Achtsamkeit, Entschleunigung, Meditation sind als Begriffe allgegenwärtig in diesem Sachbuchbereich ebenso wie in der Presse und werden unter anderen als die Methoden gehandelt, die richtig angewandt in fast jedem Falle helfen.
Albert Kitzlers neues Buch hebt sich dagegen ab, obwohl sein Thema sozusagen das gleiche ist, wenn auch nicht auf den ersten Blick. Denn wenn wir glauben, Krankheiten wie Burnout und Depression seien charakteristische Zeichen unserer Zeit, irren wir gewaltig. Der Autor zeigt, dass bereits vor vielen tausend Jahren die Menschen darunter litten, doch im Gegensatz zu heute machten sich damals Philosophen Gedanken darüber, wie die Betroffenen davon zu heilen sind. Man nannte es Überlastung, Überforderung, Ängste, Sorgen, Kummer, Zorn, Wut, Hass, Ärger, Trauer, Entfremdung usw. und die alten Weisen in Ost und West waren überzeugt, dass man mit den richtigen Gedanken sich gegen diese Leiden der Seele wappnen konnte und sie sogar heilen.
Albert Kitzler erläutert und beschreibt die einzelnen Leiden mit Zitaten von Sokrates, Konfuzius, Cicero, Zhuangzi, Seneca und vielen anderen und stellt sie in Zusammenhang mit unserem heutigen Leben, alles in einer leicht zu lesenden und gut verständlichen Sprache (Philosophieunkundige müssen keine Scheu haben ;-)). Ebenso die dazugehörigen Heilmittel, die damals zwar anders bezeichnet wurden, doch letzten Endes im Großen und Ganzen das Gleiche sind, was in den heutigen Ratgebern empfohlen wird.
Was mich beim Lesen immer wieder überraschte, wie wenig sich an den Problemen der Menschen offenbar seit den Zeiten der großen Denker doch geändert hat. Und wie noch immer mit den gleichen Methoden von damals viele Probleme einfach, aber nicht ohne Mühe, geändert werden könnten. Wenn man nur will… 😉
Ein Buch, das ich mit Sicherheit immer wieder zur Hand nehmen werde. Denn die darin genannten Leiden der Seele werden vermutlich immer wieder mal erscheinen.

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Rezensionen

Ich glaube, es hackt! von Tobias Schrödel

Springer Spektrum
ISBN 978-3-658-04245-5
392 Seiten

Nicht erst seit den Enthüllungen Edward Snowdens ist klar, dass im digitalen Zeitalter Überwachung, Manipulation und Betrug eine ganz neue Qualität entwickelt haben. Doch was dies für das eigene Leben bedeutet, ist den meisten Menschen noch immer unklar. Während die Einen nun vollständig die Finger von PCs und ähnlichem lassen (‚Viel zu gefährlich. Nix für mich!‘), ist es Anderen entweder völlig gleichgültig (‚Ich hab‘ nichts zu verbergen.‘) oder sie ergeben sich resigniert in ihr Schicksal (‚Man kann ja eh nix machen.‘)
Tobias Schrödel versucht hier mit seinem Buch Abhilfe zu schaffen. Und gleich vorweg: Dies gelingt ihm auf wirklich unterhaltsame Weise, was bei einer so drögen Materie wie IT-Sicherheit nicht gerade eine Selbstverständlichkeit ist. Es geht um so alltägliche Themen wie u.a. Passwörter, Handys, E-Mails oder Online-Einkäufe, aber auch um exotischere Dinge wie Biometrie oder Funknetze. Die jeweiligen Kapitel sind wiederum in recht kurze, überwiegend nur 2-3seitige Artikel unterteilt, die immer mit einer meist amüsanten Einleitung aus dem ’normalen‘ Leben beginnen. Schrödel schreibt locker-leicht und ich habe die ganzen 361 Seiten mit einem permanenten Grinsen gelesen – und trotzdem (oder gerade deshalb?) viel Neues und Interessantes erfahren und gelernt. Auch wenn es als Ergebnis erschreckend ist wie weit sich die technischen Möglichkeiten schon entwickelt haben, macht der Autor klar, dass man etwas dagegen tun kann. Man muss es nur tun! Zugegeben, einen 100%igen Schutz gibt es nicht, aber wo gibt es den schon?
Ein bisschen mäkeln muss ich aber trotzdem. Obwohl dieses Buch ganz klar für IT-Laien geschrieben wurde, gibt es doch immer wieder Fachausdrücke die nicht erklärt wurden: Algorithmus, Bootbereicht, Logfile… Weiterhin habe ich mich bei manchen Artikeln gefragt, was sie in diesem Buch sollen: Beispielsweise wie man bei einer Autovermietung ein Upgrade bekommt oder wie man ein zweites Getränk im Flieger erhält. Glücklicherweise gibt es nur wenige dieser ‚Ausrutscher‘. Daher ist dieses Buch wirklich Allen, die bisher nur keine oder wenig Ahnung von IT-Sicherheit haben, wärmstens ans Herz zu legen!

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Rezensionen

Immer schon vegan von Katharina Seiser

Brandstätter Verlag
ISBN 978-3-85033-856-1
176 Seiten

Vegan ist ja voll im Trend und so scheinen entsprechende Kochbücher im Minutentakt auf den Markt zu kommen. Was mich dabei jedoch häufig stört: Die Zutaten der Speisen sind in normalen Supermärkten nur schwer zu bekommen und wirken so exotisch, dass Kiwis schon fast wie eine heimische Pflanzenart anmuten. Tofu gibt es mittlerweile ja sogar bei Discountern, aber Sachen wie Seitan, Tempeh, Guakernmehl oder Agar-Agar – ist das wirklich notwendig?
Da kam mir Katharina Seisers Kochbuch gerade recht. Bereits von ihrem ‚Italien vegetarisch‘ war ich sehr begeistert, da es zumeist einfache aber überaus leckere Rezepte enthält. Und auch dieses Kochbuch hier hat mich nicht enttäuscht.
Die Aufmachung allein macht schon Einiges her: In leuchtend gelbem Leinen gebunden mit grünen Gemüseillustrationen – es ist schon eine Freude, es in der Hand zu halten. Die Rezepte sind in bewährter Manier übersichtlich angeordnet: Eine Seite Rezept mit Zutatenliste, die gegenüberliegende Seite ein ansprechendes Photo der Mahlzeit. Sortiert ist alles nach Jahreszeiten, was auch Sinn macht, da die Hauptzutaten für diese Essen Gemüse sind und es daher sinnvoll ist, das zuzubereiten, was der Garten bzw. der Markt zur Zeit anbietet. Zusätzlich gibt es am Ende noch ein jahreszeitenunabhängiges Kapitel und zu Beginn eine Übersicht über die unterschiedlichen Geschmacksrichtungen und worin diese enthalten sind. Die Rezepte sind meistens nicht allzu schwierig und bei der Zutatenliste liegt die Exotik mehr bei den Gemüsesorten und Gewürzen, denn überwiegend liegt deren Herkunft nicht gerade bei uns um die Ecke. Es gibt viel aus Asien, dem Nahen Osten aber auch aus Süd- und Osteuropa. Das leuchtet auch ein: Gemüse ist dort in großer Vielfalt aufgrund der Wetterbedingungen so gut wie das ganze Jahr verfügbar, während Mittel- und Nordeuropa eher mit seinem Kohl und seinen Kartoffeln auskommen musste (vermute ich mal ;-)).
Wer einen Einstieg in die vegane Küche sucht, wird mit diesem Kochbuch überaus gut versorgt sein, denn die Sachen sind durchweg lecker (zumindest die, die ich bisher versucht habe).

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Rezensionen

Der Hals der Giraffe von Judith Schalansky

Der Audio Verlag 2011 ISBN: 978-3-86231-129-3 4 CDs

Der Audio Verlag 2011
ISBN: 978-3-86231-129-3
4 CDs

Inge Lohmark, Biologie- und Klassenlehrerin einer 9. Klasse eines Gymnasiums im Osten, das mit dem Abitur dieser Stufe geschlossen werden soll, ist eine Frau, die sich Gefühle jeglicher Form versagt. Überkommen sie ‚Anwandlungen‘ dieser Art, womöglich sogar in Anwesenheit anderer Menschen, geht sie sofort hart mit sich selbst ins Gericht und macht sich klar, wie unsinnig diese sind. Das Leben ist nichts als Biologie – und Gefühle haben dort nichts zu suchen, denn sie bringen keinen Nutzen. Ebenso rigoros beurteilt sie ihre Schülerinnen und Schüler, worüber man erst grinst („..sie sind Blutsauger, die sich vom Lehrkörper ernährten..“ oder über Schüler Tom: „Winzige Augen im feisten Gesicht. Geistloser Ausdruck. Noch ganz benommen von der nächtlichen Pollution. Ein Grottenolm war schöner…“) bis einem die ganze Verachtung deutlich wird, die sie für diese Jugendlichen hegt. Doch auch ihr restliches Umfeld wird davon nicht ausgenommen: ihre Lehrerkollegen, der Nachbar, ehemalige Freunde.
Eine unsympathische Frau, keine Frage, doch je mehr man über sie erfährt, umso deutlicher wird, wie bemitleidenswert diese 55jährige ist, die offenbar Zeit ihres Lebens niemals gelernt und erfahren hat, Gefühle zu vermitteln und zu bekommen. Und es zeigt sich immer deutlicher, dass sie insbesondere mit ihrem eigenen Leben hadert – war das Alles?
Dagmar Manzel liest diesen Roman derart kunstfertig, dass man Inge Lohmark 298 Minuten vor sich sieht. Als unnahbare, gefühllose Lehrerin in einem kalten, harten Ton wie auch als die Frau, die sich an ihren Vater erinnert oder an ihre letzte wahre Liebe – weich, sanft und leise wird dann die Stimme Lohmarks. Auch die Interpretationen der weiteren Personen sind gut getroffen – Dagmar Manzel verleiht wirklich allen eine eigene Persönlichkeit, egal ob SchülerIn oder KollegIn.
Ein tolles Hörbuch, das unterhält und gleichzeitig das Biologiewissen auffrischt. Das fordert jedoch beim Zuhören ein bisschen Konzentration ein 😉

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Rezensionen

Schamland von Stefan Selke

Econ, 12.04.2013 ISBN 9783430201520 250 Seiten

Econ, 12.04.2013
ISBN 9783430201520
250 Seiten

Wer an die ‚Tafeln‘ denkt, dem fällt zumeist eines ein: Gemeinnützig! Ehrenamtliche verteilen stark verbilligt Lebensmittel an Arme, die der Tafel zuvor gespendet wurden. Eine gute und sinnvolle Idee – wer würde etwas Schlechtes dagegen sagen oder schreiben wollen? Stefan Selke zum Beispiel, Soziologieprofessor und Autor dieses Buches, der schon früher die These aufstellte, dass Angebote wie die Tafeln Armut nicht versuchen zu beseitigen, sondern statt dessen festschreiben. Auch in seinem neuen Werk ist dies das Hauptthema. Er besucht Nutzerinnen und Nutzer dieser Wohlfahrtsangebote, fragt nach, wie es dazu kam und wie es ihnen dabei geht. Es sind ganz unterschiedliche Personen, die er da trifft: eine studentische Kleinfamilie, eine chronisch kranke Frau die noch nicht aufgegeben hat aus diesem System auszubrechen, ein chronisch krankes Rentnerehepaar, die sich in diesem Dasein jetzt mehr schlecht als recht eingerichtet haben. Alle eint sie, dass sie diese Angebote eigentlich nicht wollen, aber aufgrund ihrer Verhältnisse müssen, weil es keinen anderen Weg gibt.
Selke beschreibt nicht nur Zustände, er schildert auch detailliert wie sich der Umgang mit Armen im Laufe der Geschichte verändert hat: von der Entwicklung der reinen Almosenempfänger im alten Griechenland wie auch im Mittelalter, die sich glücklich schätzen durften zu den ‚guten‘ Bedürftigen gezählt zu werden und somit die Gnade von Zuwendungen zu erfahren bis hin zu gleich- UND anspruchsberechtigten Bürgerinnen und Bürgern in der Gegenwart durch das im Grundgesetz verankerte Sozialstaatsprinzip (Art. 20, Abs. 1). Doch diese Entwicklung scheint sich wieder in ihr Gegenteil umzukehren: Ansprüche werden auf ein solches Mindestmaß reduziert, dass Berechtigte gezwungen sind, Angebote von Almosen (und nichts anderes sind Tafeln und weitere Institutionen der Armutsökonomie ja) anzunehmen. Statt Betroffenen zu helfen aus diesen Problemsituationen wieder herauszukommen, wird selbst vom Staat Armut als akzeptabler Dauerzustand dargestellt, der ja durch die vielfältigen (und immer wieder lobend erwähnten wie auch kräftig unterstützten) Freiwilligenangebote durchaus erträglich ist. Was jedoch passiert, wenn (aus welchen Motiven auch immer) sich die Anbieter solcher freiwilligen Dienstleistungen irgendwann zurückziehen, wird aus naheliegenden Gründen nicht thematisiert. Für die Empfangenden, die sich dieser Problematik durchaus bewusst sind, ist dies ein schrecklicher Zustand: nicht nur die Verhältnisse an sich sondern auch die Tatsache, abhängig zu sein vom Wohlwollen einiger Weniger.
Selke vergisst auch nicht aufzuzeigen, dass Armut neben den direkten Kosten (die konkrete finanzielle Unterstützung) auch eine Reihe weiterer Kosten entstehen lässt, die sich nicht nur in Zahlen darstellen lassen. Berufliche Kompetenzen gehen verloren, größere Aufwendungen durch Krankheit, Demokratiedefizite entstehen…
Wer sich konkrete Lösungsvorschläge erhofft, um eine Besserung dieser Situation herbeizuführen, findet diese nur indirekt. Diejenigen, die noch arbeiten können, möchten eine Beschäftigung von der sie auch leben können – eine klare Absage an PolitikerInnen, die gegen Mindestlöhne sind und weiterhin eine Förderung von Mini-, 1-Euro-Jobs, befristeten Beschäftigungen und dergleichen unterstützen. Andere wie Kranke, Rentner, Alleinerziehende eint der Wunsch, nicht als BittstellerInnen auftreten zu müssen – das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes im Frühjahr 2010 war ein Schritt in diese Richtung, dem jedoch weitere bisher nicht folgten.
Selkes Verdienst ist es, einer großen Gruppe der Gesellschaft eine Stimme gegeben zu haben, die bisher aus Scham lieber schwieg und sich versteckte. Und trotz seines Status als Soziologieprofessor ist sein Buch gut lesbar und ebenso verständlich – und ganz und gar nicht ’sehr fachlich und wissenschaftlich‘ wie in einer Rezension vermerkt. Es bleibt zu hoffen, dass viele viele Menschen dieses Buch lesen – und sich etwas bewegt!

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Rezensionen

Lieber wütend als traurig von Alois Prinz

Hörcompany, 11.04.2005 ISBN 9783935036733 380 Minuten

Hörcompany, 11.04.2005
ISBN 9783935036733
380 Minuten

Jede/r die/der sich für die Geschichte und Politik der BRD interessiert, wird früher oder später zwangsläufig auf den Namen Ulrike Meinhof stoßen. Sie war eines der führenden Mitglieder der Rote-Armee-Fraktion (RAF) und Hass und Gewalt gegen den Staat und dessen VertreterInnen waren für sie alternativlos. Doch dies war nicht immer so: Als Studentin und auch in den ersten Jahren als erfolgreiche Journalistin war die Christin eine überzeugte Friedensfreundin. Doch die Feststellung dass sie offenbar mit ihren Worten deutlich weniger zu erreichen schien als andere Systemkritische mit diversen illegalen Aktionen, ließ sie immer mehr an ihrer Haltung zweifeln.
Diese Entwicklung hin zu einer christlichen Pazifistin und weiter zu einer der am meist gesuchtesten Terroristinnen der BRD zeichnet Alois Prinz ausführlich ab der Zeit ihrer Kindheit nach, während er parallel dazu auch ein detailgetreues Bild der jeweiligen Gesellschaft der BRD liefert. Keine Frage, diese damaligen Verhältnisse mussten jedem demokratie- und gerechtigkeitsliebendem Menschen übel aufstoßen, sodass es gerade auch für besonders empfindsame Menschen nur noch ein kleiner Schritt in die Radikalität war. Wie diese jedoch den Schmerz und das Leid der von dieser Radikalität Betroffenen so vollständig ausblenden konnten, ist eine Frage, die noch immer viele der Freunde von Ulrike Meinhof (und vermutlich auch anderen) umtreibt. Auch der Autor hat dafür nur Vermutungen und so bleibt einem beim Hören nichts Anderes übrig, als sich seine eigenen Gedanken zu machen.
Eine tolle Biographie, die durch Axel Milberg als Vorleser und Eva Mattes als Ulrike Meinhof (mit kleinen Texten von ihr) kongenial ergänzt wird.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Rezensionen