Schlagwort-Archive: Klassiker

Dshamilja von Tschingis Aitmatow

Insel Verlag
ISBN 978-3-458-20009-3
109 Seiten

Dshamilja ist eine wunderbare Geschichte, die ich vor einigen Jahren während meiner Reise durch Kirgisistan mit Begeisterung gelesen habe. Sie erzählt von der Liebe zweier Menschen, die eigentlich nicht sein durfte, aber noch mehr von der Liebe zu Kirgisistan, zum Leben an sich. Obwohl oder vielleicht gerade weil die Beschreibungen sehr poetisch sind, hatte ich während des Lesens ständige Aha-Erlebnisse. Die Menschen, die Pferde in den Luzernenfeldern, die Berge, die Weite, die Steppe – durch Aitmatows Darstellungen erblickte ich schon Alles in meiner Vorstellung, bevor ich die Gegend mit meinen eigenen Augen betrachtete, um Alles bestätigt zu finden. Ja, ich weiß, das hört sich jetzt superkitschig an, aber so war es.
Als ich dann die neue Ausgabe des Insel-Verlages mit der wirklich schönen Covergestaltung und neuer Übersetzung entdeckt habe, war klar: Dieses schmale Büchlein muss ich haben. Gesagt, getan – und das Cover hat mich nicht enttäuscht. Die Zeichnungen, viele in schwarz-weiß oder in diversen Rottönen coloriert, passen wunderbar zu dieser gefühlvollen Geschichte. Was mich jedoch völlig ernüchtert hat, ist die meiner Ansicht nach misslungene Übersetzung.
Ich habe das Buch ebenfalls in der Ausgabe mit Hartmut Herboth als Verantwortlichem. Und auch wenn Manches darin durchaus etwas angestaubt klingen mag (immerhin ist sie mindestens 30 Jahre alt) – die Atmosphäre, die Stimmung hat er überzeugend ins Deutsche übertragen. Denn genau so ist es: die Menschen und das Land. Aus Interesse habe ich die beiden Fassungen dann parallel gelesen und bin schlicht entsetzt, was aus Dshamilja gemacht wurde. Um eines klarzustellen: Nein, ich kann kein Russisch. Aber die neue Fassung enthält ausser schlechtem Deutsch ebenso sachliche Fehler, die auch ohne Russisch-Kenntnisse festzustellen sind. Beispielsweise trägt in der neuen Fassung die Mutter des Erzählers einen Turban (S. 14), in der alten ein Kopftuch. Fakt ist, dass in Kirgisistan die Frauen Kopftuch und keinen Turban tragen. Oder die Beschreibung „… glühte die müde Junisonne wie die runde Öffnung eines Backofens …“ (S. 28), wo bei Herboth statt Backofen Tandyr steht, ein neben dem Haus in die Erde gebauter Ofen mit runder Öffnung, in dem Fladen gebacken werden. Darüber verfügt in Kirgisistan praktisch jedes Haus, während Backöfen (insbesondere in der Zeit, in der die Geschichte spielt), Mangelware sind. Auch die Ausdrucksweise ist in der neuen Ausgabe stellenweise sehr gewöhnungsbedürftig: Auf Seite 27 „…; es lohnte nicht, mit ihm anzubinden.“, hingegen in der alten Fassung „Sie wusste, dass es nicht lohnte, mit ihm Streit anzufangen, …“, was auch im Zusammenhang gelesen wesentlich besser klingt. Oder Seite 7 (neu) „… damals noch Buben von fünfzehn, sechzehn Jahren ..“ gegenüber „Wir Halbwüchsigen, etwa fünfzehn Jahre alt…“. Ich möchte die Fünfzehnjährigen sehen, die sich noch Buben nennen lassen 😉
Dinge dieser Art ziehen sich durch den gesamten Text hindurch und viel von der Poesie dieser Geschichte ist einfach verloren gegangen. So schön ich die Illustrationen auch finde, ich werde das Buch verkaufen und dafür die alte Ausgabe behalten. Denn letztendlich ist es der Text, der Dshamilja ausmacht.
PS: Und um Bücher dieser Übersetzerin werde ich zukünftig einen riesigen Bogen machen.
PPS: Eben erst habe ich gesehen, dass es sich bei der Insel-Ausgabe um eine ältere Übersetzung des Suhrkamp-Verlages handelt. Tja, auch dort scheint an allen Ecken und Enden gespart werden zu müssen.

 

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Schachnovelle von Stefan Zweig

Fischer Taschenbuch
ISBN 978-3-596-21522-5
112 Seiten

Auf einer mehrtägigen Schiffsreise von New York nach Buenos Aires in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts, wird der österreichische Ich-Erzähler Zeuge einer beeindruckenden Schachpartie. Der an Bord weilende Schachweltmeister spielt gegen eine Gruppe Amateure, ohne dass der geringste Zweifel an dessen Sieg besteht. Doch dann mischt sich ein unbekannter Passagier ein und das Spiel endet mit einem Remis. Am nächsten Tag soll ein weiteres Spiel stattfinden und der Ich-Erzähler fordert den Unbekannten zur Teilnahme auf. Dieser sträubt sich zunächst und erzählt ihm zur Erklärung seine Geschichte.
Dieses kleine Büchlein, das gerade mal 104 Seiten mit verhältnismäßig groß gedruckten Buchstaben hat, ist sicherlich beeindruckender als viele andere Bücher, die einen drei- oder viermal so großen Umfang aufweisen. Vielleicht liegt es daran, dass Stefan Zweig viel mit Gegensätzlichkeiten gearbeitet hat, die eher im Gedächtnis bleiben. Einmal der introvertierte, ungebildete und langsame Schachweltmeister. Und der umgängliche, intellektuelle und beinahe manische ‚Dilettant‘. Oder der Ich-Erzähler, für den Schach ’nur‘ ein Spiel ist und sein Gegner, der alles als Wettkampf sieht und jede Niederlage als persönlichen Affront empfindet. Aber auch die Art, wie Zweig Schach beschreibt, wird mir im Gedächtnis bleiben. Insbesondere, weil er selbst überhaupt keinen großen Bezug dazu hatte.
Zitat: „Ist es nicht auch eine Wissenschaft, eine Kunst, schwebend zwischen diesen Kategorien wie der Sarg Mohammeds zwischen Himmel und Erde, eine einmalige Bindung aller Gegensatzpaare; uralt und doch ewig neu, mechanisch in der Anlage und doch nur wirksam durch Phantasie, begrenzt in geometrisch starrem Raum und dabei unbegrenzt in seinen Kombinationen, ständig sich entwickelnd und doch steril, ein Denken, das zu nichts führt, eine Mathematik, die nichts errechnet, eine Kunst ohne Werke, eine Architektur ohne Substanz und nichtsdestominder erwiesenermaßen dauerhafter in seinem Sein und Dasein als alle Bücher und Werke…*
Dazu die unglaublich genauen Beschreibungen der einzelnen Charaktere und Situationen, die derart zeitlos gut sind, dass Manches klingt, als wäre es eben erst geschrieben worden.
Zitat: „Nun hatten die Nationalsozialisten, längst ehe sie ihre Armeen gegen die Welt aufrüsteten, eine andere ebenso gefährliche und geschulte Armee in allen Nachbarländern zu organisieren begonnen, die Legion der Benachteiligten, der Zurückgesetzten, der Gekränkten.“

Ein kleines, aber sehr feines Büchlein, das man nicht nur in der Schule lesen sollte – sofern es dort überhaupt noch im entsprechenden Kanon steht.

 

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Die Chronik der Sperlingsgasse von Wilhelm Raabe

Alfred Kröner Verlag
ISBN 978-3-520-85201-4
240 Seiten

Wilhelm Raabe lässt in ‚Die Chronik der Sperlingsgasse‘ einen älteren Mann von seinem Leben und dem der Menschen die ihn in dieser Gasse umgaben, erzählen, während er zeitgleich aktuelle Erlebnisse miteinbezieht. Es ist keine chronologisch verlaufende Geschichte, von der hier berichtet wird, stattdessen lässt sich Wachholder (so sein Name) vom Moment inspirieren, etwa beim Blick aus dem Fenster auf die Sperlingsgasse oder wenn er alte Aufzeichnungen durchsieht.
Das Geschehen, sowohl vergangen wie auch gegenwärtig, ist nichts Aufsehenerregendes. Es geht um eine unglückliche Jugendliebe, eine dennoch fortdauernde Freundschaft, ein Kind, das Wachholder anvertraut wird und dessen Erwachsenwerden er begleitet. Naturerlebnisse werden beschrieben wie auch Ereignisse bei der Arbeit und in seiner Umgebung. Nun mögen Manche fragen, ob es sich überhaupt lohnt diese Chronik zu lesen. Ich kann nur schreiben: Ja! Denn Raabe gelingt es, in diese so alltäglichen Geschichten das ganze Weltgeschehen miteinfließen zu lassen, ohne dass man sich dessen groß bewusst wird. Für seine Zeitgenossen mag dies offensichtlicher gewesen sein als für uns, mehr als 150 Jahre später. Doch die recht umfangreichen Erläuterungen und insbesondere das schöne Nachwort von Joachim Bark helfen hierbei weiter, wobei ich persönlich Manches aus dem Nachwort noch lieber in den Erläuterungen vorgefunden hätte. Sei’s drum, in jedem Fall erhält man durch das Lesen dieses Büchleins einen weitaus tieferen Einblick in die Verhältnisse dieser damaligen Gesellschaft als man das auf den ersten Blick vermuten würde.
Und nicht ganz unerheblich: Gut geschrieben ist es zudem. Zu Beginn mag es für unsere heutigen Ohren etwas ungewöhnlich klingen, doch ich war bald mit Wachholders bzw. Raabes Erzählstil vertraut und freute mich an seinen bildhaften Beschreibungen ebenso wie an seinen humorvollen und auch selbstironischen Sätzen. Gelegentlich geraten sie vielleicht etwas ausschweifend, sodass ich Manches zweimal lesen musste, doch es ist der Mühe wert.
Schade, dass dieser Klassiker fast schon vergessen scheint und deshalb ist es umso schöner, dass der Alfred Kröner Verlag dieses Frühwerk in einer kleinen und feinen Ausgabe mit blauem Leineneinband herausgebracht hat. Neben den Erläuterungen und dem Nachwort ist das Ganze noch mit diversen Zeichnungen von Raabe versehen – eine wirklich schöne Ausgabe, die auch noch lesenswert ist 😉

 

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Ein so junger Hund von Patrick Modiano

Aufbau Taschenbuch ISBN 9783746611358 103 Seiten

Aufbau Taschenbuch
ISBN 9783746611358
103 Seiten

Dies ist eine kleine Geschichte, der es auf nur 95 Seiten gelingt, die Person eines scheinbar berühmten Photographen so glaubhaft darzustellen, dass man beginnt nach weiteren Details dieses Lebens zu forschen (zumindest mir ist es so ergangen ;-)).
In einem kleinen Café in Paris wird der namenlose Ich-Erzähler gemeinsam mit seiner Freundin von dem Photographen Jansen angesprochen, ob er sie für eine Reportage über die Jugend von Paris aufnehmen dürfe. Danach begleiten sie ihn in sein Atelier und zwischen dem Ich-Erzähler (‚Ein so junger Hund‘ wie ihn Jansen immer wieder nennt) und Jansen entwickelt sich eine Art Freundschaft. Dreißig Jahre später, als der damals junge Mann eine alte Photographie wiederfindet, erinnert er sich an diese Wochen: wie er Jansens Aufnahmen katalogisierte, die gemeinsame Zeit bei denen er einige Dinge aus dessen Vergangenheit erfuhr (wenn auch nur bruchstückhaft) sowie dessen plötzliches Verschwinden.
Obwohl dieser Rückblick alles andere als eine umfassende und vollständige Biographie Jansens liefert, entsteht beim Lesenden überraschenderweise ein recht deutliches Bild eines Mannes, das (wie bereits erwähnt) überaus real wirkt. Man spürt die Einsamkeit und Verlorenheit dieses Menschen, der mit seinen Bildern stets das Schweigen suchte und sich immer mehr zurückzog bis er einfach verschwand. Der Ich-Erzähler fühlte sich Jansen in gewisser Weise verbunden und obwohl er dreißig Jahre nichts von ihm hörte, hat er ihn nicht vergessen.
Es ist keine spektakuläre Geschichte, aber eine auf schöne Art und Weise erzählte über Menschen und Dinge, die einfach verschwinden.

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Siddhartha von Hermann Hesse

Suhrkamp, 05.03.2012 ISBN 9783518366820 120 Seiten

Suhrkamp, 05.03.2012
ISBN 9783518366820
120 Seiten

Den unzähligen Rezensionen und Kommentaren zu diesem Buch noch eine weitere hinzuzufügen – sind das nicht Eulen nach Athen getragen? Vermutlich, aber da der eigentliche Sinn und Zweck meiner Anmerkungen mehr meinem Nutzen als dem Anderer dienen soll (damit ich auch noch in Jahren weiss, was so ungefähr in all den von mir gelesenen Büchern steht), soll mir das egal sein 😉
Was ist der Sinn des Lebens? Die endgültige absolute Wahrheit? Das worauf es ankommt? Wie so viele andere Menschen plagt sich auch der junge Brahmanensohn Siddhartha mit dieser Frage und obwohl es ihm an nichts fehlt, ist sein Hunger nach diesem Wissen unstillbar. So schließt er sich eines Tages einer Gruppe wandernder Bettelmönche an, begleitet von seinem Freund Govinda. Sie lernen viel, doch noch immer ist Siddharthas Geist nicht glücklich mit dem Erreichten. Als sie von Gotama, dem Erhabenen Buddha hören, machen sie sich gemeinsam auf den Weg in der Hoffnung, von ihm das Geheimnis der Erleuchtung zu erfahren. Während Govinda von dessen Lehre mehr lernen möchte und sich ihm als Jünger anschließt, bleibt Siddhartha skeptisch. Er zweifelt nicht an Buddhas Erleuchtung, hält dessen Lehren aber nicht für völlig schlüssig. So trennen sich die Wege der Freunde und Siddhartha zieht allein weiter…
Die Sprache des Buches klingt altertümlich und zeitweilig gekünstelt, doch sie passt zu dieser Zeit und Region, sodass man sie bereits nach ein paar Seiten kaum noch als etwas Ungewöhnliches wahrnimmt. Dreh- und Angelpunkt dieser eher kurzen Geschichte ist die Suche nach dem was das Leben ausmacht, nach einem Leben in Wahrhaftigkeit – zumindest hat es sich für mich so dargestellt. Hesse gelingt es, im Weg des Siddhartha die unterschiedlichsten Aspekte dieser Suche darzustellen, von einer völlig vergeistigten Lebensweise hin zu einer radikal materialistischen Haltung. Das Alles in einer gut verständlichen Sprache, sodass Sinnsuchende (und andere Interessierte ;-)) jeglicher Couleur hier eine Menge an Inspiration und Anregung erhalten dürften.
Ich empfand diese Buch als eine Bereicherung, wobei sich mir nichts gänzlich Neues offenbarte. Dies mag aber an meinem fortgeschrittenen Alter liegen 😉

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Transit von Anna Seghers

Der Audio Verlag, DAV, 01.08.2007 ISBN 9783898136839 92 Minuten

Der Audio Verlag, DAV, 01.08.2007
ISBN 9783898136839
92 Minuten

Frankreich im zweiten Weltkrieg. Ein junger Deutscher flieht aus einem Konzentrationslager nach Paris, wo er zufälligerweise an die Hinterlassenschaften eines Toten gerät, zwischen denen sich unter anderem ein Einreisevisum nach Mexiko befindet. Er reist weiter nach Marseille, wo viele andere Flüchtlinge auf eine Möglichkeit warten, in ein anderes Land zu fliehen. Mit dem Einreisevisum nach Mexiko beginnt er, sich unter dem Namen des Toten die weiteren Transitpapiere zu beschaffen und lernt dabei Marie kennen, die Frau des Verstorbenen.
Das Hörspiel (keine Lesung!) vermittelt überzeugend die Atmosphäre in der damaligen Hafenstadt. Der Ich-Erzähler berichtet nicht nur von seinen vergeblichen aber auch erfolgreichen Bemühungen, die notwendigen Papiere zu besorgen, sondern schildert auch manches Schicksal, das seinen Weg kreuzt. Menschen, die monatelang warten, der Wilkür der Behörden ausgeliefert sind, endlich ihre ersehnten Papiere in den Händen halten und dann doch nicht ausreisen können, weil der Tod schneller war. Oder die, die das letzte benötigte Dokument erst erhalten, wenn das erste schon wieder ungültig ist. Und alle wünschen sich nichts sehnlicher, irgendwohin zu gelangen, wo sie in Sicherheit sind – und vermissen trotzdem ihre Heimat.
Dieses Hörspiel ist wirklich toll umgesetzt und man bekommt eine Ahnung davon, wie grausam es sein muss, auf der Flucht zu sein. Obwohl die Buchvorlage dazu vor fast 70 Jahren geschrieben wurde, glaubt man ein aktuelles Stück Literatur vor sich zu haben. Hörenswert!
Einen Punkt Abzug gibt es für die gelegentlichen zu lauten Hintergrundgeräusche (Kneipe, Straße), die manchmal die eigentlichen Stimmen beinahe völlig untergehen lässt.

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Dämmerschlaf von Edith Wharton

Manesse Verlag, 26.08.2013 ISBN 9783717521723 320 Seiten

Manesse Verlag, 26.08.2013
ISBN 9783717521723
320 Seiten

Wer sich bei diesem Buch einen spannenden Roman um eine wohlhabende Familie mit Intrigen und/oder womöglich sogar Verbrechen verspricht, wird aller Wahrscheinlichkeit nach ziemlich enttäuscht werden. Edith Wharton beschreibt einen relativ kurzen Zeitraum (1/2 Jahr?) im Leben einer der vermögensten Familien New Yorks, wobei die Handlung jedoch eher beiläufig bleibt. Etwaige Aufreger wie Betrug, obskure Sexveranstaltungen (?) und Affären bleiben eher Nebenschauplätze als dass sie tatsächlich in den Mittelpunkt des Geschehens rücken. Stattdessen sind es die mehr oder weniger alltäglichen Tages-, Handlungs- und Gedankenabläufe, die mit spitzer Feder ziemlich detailliert beschrieben werden sowie die Art und Weise, wie sich die Familie mit den verschiedenen Affären arrangiert: ignorieren oder mit Geld verhindern. Zwar ist klar, dass dies alles doch recht grell gezeichnet wird (Pauline ist beispielsweise gleichzeitig intensiv engagiert in den Kommitees für Geburtenkontrolle wie für uneingeschränkte Mutterschaft, ohne hierin einen Widerspruch zu sehen), doch irgendwie scheint die Realität nicht allzu weit entfernt… Nichtsdestotrotz kurz zum Inhalt: Pauline Manford, das (weibliche) Oberhaupt einer reichen Familie New Yorks der Zwanziger, hat einen Terminplan wie eine Vorstandsvorsitzende eines weltumspannenden Unternehmens. Doch statt Vorstandssitzungen, Geschäftsessen und/oder Aktionärstreffen wechseln sich bei Pauline sportliche Ertüchtigungen, Schönheitspflege sowie kulturelle und gesellschaftliche Verabredungen zur Errettung der Welt ab – meist im 15-Minuten-Takt. Dennoch ist sie für ihre beiden Kinder Jim und Nona die geliebte und auch bewunderte Mutter, auch wenn diese überhaupt nicht nach ihr kommen. Jim aus erster Ehe genoß das Leben wie es kam bis er Lita heiratete, eine exzentrische Künstlerin (?), der er völlig verfiel, sodass er sogar einen Bürojob annahm, um dem Bild eines anständigen Ehemannes zu genügen (was jedoch eher im Sinne Paulines als Litas war). Nona indes ist mit ihren 19 Jahren auf der Suche nach dem Sinn: Wozu das ständige Herumjagen von einem Termin zum nächsten? Treffen mit Menschen die man nicht mag, nur weil sie einem einen Kardinal als Gast bescheren können? Macht all das glücklich? Offenbar nur ihre Mutter. Jims Ehefrau ist schon nach kurzer Zeit von allem und allen zu Tode gelangweilt und will die Scheidung; Paulines Ehemann steckt in einem Gefühlschaos, an dem Lita nicht ganz unschuldig ist; Paulines momentaner Guru droht offenbar ein Prozess, in dem ihr Ehemann ermittelt undundund. Die Gesellschaft die Edith Wharton 1927 so detailliert beschrieben hat, stammt aus den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Doch es sind exakt die gleichen Phänomene, incl. des Verhaltens der Presse, die sich eins zu eins in unseren heutigen Zeiten wiederfinden. Krankheit und Tod werden verdrängt, was zählt ist das eigene Wohlbefinden und gute Aussehen: Wer krank ist oder sogar stirbt, ist selber schuld 😉 Esoterik, Okkultismus und oberflächliche Themen die die Schlagzeilen beherrschen; volle Terminkalender um der eigenen Sinnlosigkeit nicht zu begegnen – das bestimmte damals wie auch heute weite Teile der ‚besseren‘ Gesellschaftsschichten. Obwohl Wharton dieses Buch bereits vor fast 90 Jahren schrieb, wirkt die Sprache noch immer frisch. Spöttisch und etwas affektiert – so, wie es diesem ganzen Roman entspricht. Mich hat dieses Buch fast durchweg amüsiert, wobei es durchaus seine Längen hat. Zum 10. Mal über die Lichtgestalt Lita zu lesen, die einer Vase, Lampe, Glas oder was auch immer ähnelt und von innen leuchtet, ist dann doch genug. Dennoch: Es hat sich gelohnt.

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