Fallende Engel von Barbara Gowdy

Verlag Antje Kunstmann
ISBN 3- 88897-064-4
214 Seiten

Kanada, Anfang der 60er Jahre: Die drei Schwestern Lou, Norma und Sandy wirken gemeinsam mit ihren Eltern wie eine normale Familie. Doch normal geht anders. Irgendein Geschehnis in der Vergangenheit führte dazu, dass die Mutter jetzt fast ausschließlich Whisky trinkt und ihre Tage schweigend im Bett oder auf der Couch vor dem Fernseher verbringt. Auch der Vater trinkt und je nach Stimmung schlägt er zu – lediglich seine Frau und Sandy verschont er, vermutlich weil letztere ein Ebenbild ihrer Mutter ist. In den Sommerferien sperrt er sich und die Familie im selbstgebauten Atombunker ein, den sie (selbst als sie kein Wasser mehr haben) nicht verlassen dürfen. Er ist ungerecht, gewalttätig und ein Despot, weshalb Lou ihn hasst, aber Norma ihn dennoch liebt. Die drei Mädchen sind so verschieden wie Schwestern nur sein können und jede reagiert auf ihre Art auf diese Form der Nicht-Erziehung. Lou ist rebellisch und kalt, Norma isst und isst und ist voller Liebe und Verständnis für alle, immer mit der Hoffnung etwas Liebe zu erhalten. Und Sandy, die Schöne, reagiert auf das stete Interesse an ihr mit sofortiger Zuwendung bzw. kann nicht ‚Nein‘ sagen, was sie von Junge zu Junge und Mann zu Mann wandern lässt.
Beginnend mit dem Ende, erzählt das Buch über einen Zeitraum von 10 Jahren aus dieser Familie, immer einzelne Episoden aus einem Jahr, sodass man die Entwicklung der drei Schwestern nachverfolgen kann. Obwohl sie altersmäßig nah beieinander liegen und somit alle die gleiche Ausgangsposition hatten, driften ihre Lebenswege immer weiter auseinander. Jede flüchtet angesichts der Familienproblematik in ihre ganz eigene Welt und geht diesen einmal eingeschlagenen Weg weiter – dennoch halten sie zusammen.
Ich litt mit den Dreien und konnte ihr Verhalten gut nachvollziehen, wobei ich mich immer wieder fragte: Wieviele solcher Familien gibt es? An wievielen Häusern und Wohnungen bin ich schon vorbeigegangen, in denen das heile Familienbild nur Fassade ist? Der Autorin ist es sehr gut gelungen, nicht nur die Entwicklung der Schwestern zu beschreiben, sondern auch das Entsetzliche im ganz normalen Alltag darzustellen: Keine Monster, sondern ‚lediglich‘ Menschen wie sie uns jeden Tag begegnen können.

 

 

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