Das geraubte Leben des Waisen Jun Do von Adam Johnson

Suhrkamp, 11.03.2013 ISBN 9783518464250 687 Seiten

Suhrkamp, 11.03.2013
ISBN 9783518464250
687 Seiten

Ich habe, glaube ich, noch nie ein Buch gelesen bei dem ich so oft darüber nachdachte: Was hat der Autor jetzt erfunden und was ist realistisch? Schon mal vorweg: Für die Menschen in Nordkorea hoffe ich, dass der fiktionale Teil deutlich überwiegt.
Johnsons Roman, der gerade erst den Pulitzerpreis erhalten hat, erzählt das Leben des Jungen Jun Do, der in einem Waisenhaus in Nordkorea aufwächst. Es ist ein überaus karges und hartes Leben, geprägt von Wilkür, immer (über)bewacht durch den Geliebten Führer Kim Jong Il. Die Menschen leben in ständiger Not und Angst, ein falsches Wort kann einen ins Arbeitslager bringen. Das Einzige was zählt, ist der absolute Glaube und die Hingabe an den nordkoreanischen Staat und seinen Geliebten Führer. Wer davon abweicht, zählt als Verräter. Doch Jun Do beginnt plötzlich andere Dinge zu entdecken, die für ihn von Bedeutung sind: Freundschaft, Vertrauen, Liebe.
Was dieses Buch so eindringlich macht, ist die detaillierte Beschreibung des Lebens in Nordkorea. Menschen werden nicht als eigenständige Subjekte angesehen, sondern sind nichts anderes als Objekte, mit denen der Geliebte Führer verfahren kann wie er möchte. Männer bekommen Frauen als Gattinnen zugewiesen, stirbt der Mann, bekommt sie einen Ersatzehemann. Liegen Gefangene im Sterben, wird ihnen zuvor noch ihr Blut für Blutkonserven abgezapft. Braucht man Leute für Ernteeinsätze, werden sie auf den Straßen ‚gefangengenommen‘, auf LKWs verfrachtet und zum Arbeitsort gebracht. Nach ein, zwei Tagen sind sie wieder daheim. Denunzierte werden so lange gefoltert bis sie gestehen und landen dann im Arbeitslager oder werden durch Elektroschockeinsätze ihrer Vergangenheit beraubt. Schöne junge Frauen vom Land werden in die Stadt verschleppt, wo sie als Hostess arbeiten müssen oder einen Ehemann zugewiesen werden. Undundund – es gibt so viele solcher Beispiele und ständig spukte mir die Frage im Kopf herum: Ist das alles tatsächlich möglich? Auch wenn ich weiss, dass der Autor für dieses Buch sehr viel recherchierte (unter anderem auch vor Ort), kann ich mir noch immer nicht vorstellen, dass solch ein Ort tatsächlich existiert, an dem derartige Dinge möglich sind.
Und doch lässt einen die Lektüre nicht trostlos zurück: Jun Do findet nicht nur Menschen die ihm zur Seite stehen und helfen, er entdeckt Vertrauen – und die Liebe. Und nicht nur er: Auch Andere befallen Zweifel ob der Richtigkeit ihres Handelns, ihres ganzen Lebens. Und ziehen ihre Konsequenzen daraus.
Ein Buch, das ich nicht so schnell vergessen werde!

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