Barbarische Hochzeit von Yann Queffélec

Suhrkamp, 01.10.1987 ISBN 9783518044407 316 Seiten

Suhrkamp, 01.10.1987
ISBN 9783518044407
316 Seiten

Dies ist eines der wenigen Bücher, die ich aufgrund der darin enthaltenen Grausamkeiten immer wieder zur Seite legen musste, da mich der Versuch des Hineinversetzens in den Protagonisten stets auf’s Neue zu sehr deprimierte.
Hauptfigur des Romans ist der kleine Ludovic, der das Kind einer brutalen Vergewaltigung der fast 14jährigen Nicole ist. Aus Scham vor sich selbst und den Nachbarn wird der kleine Junge auf dem Dachboden untergebracht, nein, besser: gefangengehalten, wo er zwar Essen und Trinken erhält (immer so, dass er nicht verhungern oder verdursten kann), jedoch keinerlei Zuneigung geschweige denn Liebe. Stattdessen schlägt ihm Wut, Verachtung und Hass entgegen, ohne dass er weiß weshalb, während er sich nach Zuwendung sehnt. Lediglich eine ferne Verwandte bringt ihm einmal die Woche für kurze Zeit etwas Zärtlichkeit und Herzenswärme entgegen, doch es reicht nicht um sein Bedürfnis nach Liebe zu stillen. Als Ludo sechs Jahre alt ist, wird seine Mutter mit dem Witwer Micho verheiratet, ein deutlich älterer, aber vermögender Mann mit einem etwas größeren Sohn als Ludo, der bereit ist, sich um Nicoles kleinen Jungen zu kümmern. Doch auch in dem neuen Zuhause wird Ludos Bedürfnis nach Zuwendung nicht erfüllt: Tatav, der Sohn Michos, schikaniert ihn ebenso wie Nicole. Und Micho, der einzige der dem kleinen Jungen gegenüber positive Gefühle hat, ist nicht in der Lage diese auszudrücken. So kommt Ludo nach ausdrücklichem Drängen seiner Mutter in ein Heim für ‚Irre‘. Doch auch hier findet er keinen Frieden, denn er hat nur einen Wunsch: geliebt zu werden von seiner Mutter.
Ich empfand die Geschichte ungeheuer grausam, wie diesem kleinen Kind nur Kälte und Härte entgegengebracht wird. Dass Ludo unter solchen Bedingungen ein merkwürdiges Verhalten aufweist, versteht sich vermutlich von selbst (ich musste während des Lesens immer wieder an Kaspar Hauser denken). Von seiten Anderer (insbesondere seiner Mutter) führt es jedoch dazu, ihn immer mehr zu hassen und auch zu fürchten. Erzählt wird die Geschichte fast vollständig aus Ludos Sicht, die sehr überzeugend wirkt, so dass man sowohl seine Sehnsucht nach menschlicher Nähe wie auch seine Verletzbarkeit beinahe körperlich spüren kann. Doch nicht nur Ludo ist ein Opfer fehlender Zuwendung: Nicole, die Heimleiterin, Micho, die anderen ‚Irren‘ – alle sehnen sich nach Liebe.
So ist dieser Roman nicht nur eine grausame Geschichte über das unglückliche Leben eines ungewünschten Kindes, sondern zudem ein bemerkenswertes Plädoyer für die Liebe.

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